Wochenimpuls zum 10. Gebot

Lies 2. Mose 20,17.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2. Mose 20,17)

1. Begehre nicht das, was deinem Nächsten gehört.

Das Letzte der zehn Gebote lautet „Du sollst nicht begehren deines Nächsten…“. – Irdischer Besitz und zwischenmenschliche Beziehungen sollen uns nicht so wichtig werden, dass wir sie jemand anderem neiden bzw. wegnehmen wollen.

Im Vergleich zu den vorherigen Geboten geht es weniger um eine von außen sichtbar gesetzübertretende Handlung, sondern um einen inneren Vorgang im Menschen, nämlich das Begehren von Menschen oder Dingen, die außerhalb meines Verfügungsbereichs liegen. Nun kann man sich fragen, ob man überhaupt so etwas wie innere Vorgänge und Triebe beherrschen kann, oder ob diese so stark sind, dass wir darüber letztlich keine Kontrolle haben können. Solchen Überlegungen geht die Bibel erstaunlicherweise gar nicht nach. Sie fordert schlicht diese Kontrolle über sich und den Gehorsam gegenüber Gott. In einer Zeit, in der es abwegig erscheint sich gegen das innere Verlangen zu stellen, erscheint diese Forderung anmaßend, unnatürlich und ein Verrat an sich selbst. Die Prämisse lautet dann: „Wenn es mir mein Herz sagt oder es sich richtig anfühlt, muss es richtig sein.“

Jesus demgegenüber spricht z.B. davon, dass: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.“ (Mt 5,28f) Jesus fordert einfach: Hör auf, dem Begehren mehr Raum zu geben, sondern grenze es ein.

Auch Luther bleibt in seinem Kleinen Katechismus bei der einfachen Aufforderung, dass wir nicht nach der Frau und Besitz unseres Nächsten trachten, es abspenstig machen, mit einem Schein des Rechts an uns bringen sollen.

Ich kann mich fragen: Inwieweit bin ich bereit Gott gegenüber gehorsam zu sein und sogar mein Begehren ihm zu unterwerfen? Inwiefern begrenze ich mich selber, damit mein Begehren nicht zunehmen kann? Wenn ich einfach zulasse, was meine Augen sehen oder wie weit meine Fantasien gehen, dann wird aber mein inneres Begehren angefacht, was ein Übertritt dieses Gebots ist.

Wenn wir nun mit aller Kraft versuchen dieses Gesetz zu befolgen, Gott gehorsam zu sein und unsere Begierde zu kontrollieren, werden wir mit Paulus feststellen müssen: “Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.” (Röm 7,15-17). Und so wird das Gebot “Du sollst nicht begehren…” zum Spiegel der Selbsterkenntnis, so dass ich erkenne: “Mir hängt das Böse an”(Röm 7,21), die Sünde steckt so tief in mir, dass ich aus meinem natürlichen Willen es nicht vermag, Gott zu lieben und seinen Willen zu tun. Und so müssen wir mit Paulus bekennen: “Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?” (Röm 7, 24). So wie Paulus können und sollen wir uns aber an Jesus hängen, auf sein Opfer, seine Gnade und seine Auferstehungskraft vertrauen und ihn in uns leben lassen. Dann können wir mit ihm auch loben: “Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!” (Röm 7,25)

2. Was ist deine innere Einstellung?

Man darf bei dem Gebot nicht den falschen Schluss ziehen, dass jegliches Begehren widergöttlich sei. In der Bibel wird oft davon geredet, dass wir unsere Frau begehren dürfen und sollen, weil sie eine Gabe Gottes ist. Wir dürfen auch gute Dinge des Lebens genießen und sie auch wollen. Die innere Freiheit diesen Dingen gegenüber ist da aber entscheidend.

Paulus beschreibt eine innere Einstellung, die unserer menschlichen Welt sehr entgegengesetzt ist:

Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. (Phil 4,11-13)

Paulus bringt hier Genügsamkeit bzw. Zufriedenheit ins Spiel, die von Gott kommt und ihm die Macht gibt mit allen Umständen zurecht zu kommen und den Unfrieden im menschlichen Herzen zu beenden, die immer dann entsteht, wenn wir etwas wollen, aber es nicht bekommen.

Und dieser Unfrieden entsteht oft im Vergleichen mit unseren Mitmenschen. Diese Neigung zum Vergleichen und Neid scheint fest mit unserer menschlichen Natur verbunden zu sein. In unserer Zeit wird das noch durch die sozialen Medien verstärkt. Noch schneller können Gedanken hochkommen, dass andere Menschen erfolgreicher, attraktiver, intelligenter, redegewandter, geselliger, durchsetzungsfähiger, beliebter sind, als ich es bin. Sie wirken in ihren Partnerschaften glücklicher und inniger, haben besser erzogene Kinder, sind erfolgreicher in ihren Berufen, haben es weitergebracht, als man selbst. Und so fangen wir an das zu begehren, was der andere hat und darstellt, was uns aber nicht zufriedener oder glücklicher, sondern unzufrieden oder bitter machen kann.

Die Aufforderung, meines Nächsten Beziehungen und Besitztümer nicht zu begehren oder zu neiden stellt mich vor die Frage, wie es um meine Grundzufriedenheit bestellt ist. Ist in mir ein Gefühl, oftmals zu kurz zu kommen, oft benachteiligt zu sein, nicht das zu bekommen, was ich mir eigentlich wünsche? Habe ich den Gedanken: „Wenn das und das so und so wäre, dann könnte ich endlich glücklich und zufrieden sein.“?

3. Trachte zuerst nach dem Reich Gottes!

Was kann mir helfen meine Unzufriedenheit zu überwinden? Wie kann ich diese innere Einstellung erlangen von der Paulus im Philipperbrief geschrieben hat? Der Blick auf uns und unser Inneres, das Nachgeben unserer Wünsche, scheinen dabei zumindest wenig hilfreich. Paulus gründet die Ursache seiner Zufriedenheit in Gott. Durch die Beziehung zu ihm kommt Zufriedenheit.

Jesus hält in der Bergpredigt eine recht schlichte Formel für uns bereit. Als er von der menschlichen Neigung zur sorgenvollen Beschäftigung um materielle Güter spricht, bringt er es so auf den Punkt:

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Mt 6,33f)

Wenn sich unser Blick auf Gott richtet und weg von uns, kann das falsche Begehren aufhören, kann die Unzufriedenheit zur Ruhe kommen.

Ich kann mich fragen:

Bin ich zufrieden mit dem Platz in der Gesellschaft, in der Gemeinde, in meinem Beruf/ Ausbildung/ Studium? Bin ich zufrieden mit meiner Freundin/ Ehefrau?

Wo Unzufriedenheit ist, kann ich mich fragen, ob ich die Gegebenheiten lieber akzeptieren und meinen Blick auf Jesus richten sollte.

Ich kann mich aber auch fragen, wie es mit meinem “Trachten nach dem Himmelreich” aussieht. Das Wort für Trachten kann auch mit Begehren oder Suchen übersetzt werden. Begehre oder suche ich die Gegenwart Gottes in seinem Wort, im Gebet, in der Gemeinschaft mit den Geschwistern? Oder dreht sich mein Begehren um die täglichen Annehmlichkeiten oder Genüsse?

Nicht zuletzt sollte ich mich bei den Fragen um falsches Begehren/ Neid/ Vergleichen selber fragen, ob es auf der charakterlichen Ebene bei mir Defizite gibt, die für meine Unzufriedenheit mitverantwortlich sind und die Gott in der Bibel anprangert wie z.B. fehlende Verantwortungsübernahme und Passivität, Faulheit und Bequemlichkeit, Unehrlichkeit etc. Wenn das so sein sollte, dann sollte ich Buße tun und Gott darum bitten, dass er mir beim Überwinden hilft. Denn das ist ein gutes Begehren, dass wir nach Gottes Reich begehren und Buße tun.