Lieber Bruder,
nimm Dir Zeit und lies zuerst das Stück Bibel, das für diese Andacht als Grundlage dient: Philipper 3, 1–11.
1. Erfahrungen mit der Gesetzesgerechtigkeit
Vielleicht hast du in den vergangenen Wochen gute Erfahrungen gemacht mit der Ordnung der 70 Tage. Wenn wir die Worte Jesu lesen, ist es gut zu fasten und konsequent Schritte aus meinen sündhaften Strukturen herauszugehen: „Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, dann hack sie ab!“ (vgl. Mt. 5,29a) Wie ist es dir in den letzten Wochen damit ergangen, mit dem Abhacken? Du hast den Zucker (zwischendurch) gelassen und den Medienkonsum abgehackt. Du hast dich und deine vermeintliche Freiheit beschränkt, damit du dich nicht in die Stricke der Onlinesexangebote verfängst. Du hast kalt geduscht und deinen Schlaf geordnet. Dabei wirst du, lieber Bruder, Folgendes erlebt haben:
Deine Gedanken haben sich sortiert, der Alltag hat (mehr) Struktur und das Herz ist fröhlicher geworden. Du hast erlebt, dass alle diese Dinge Dir keinen Frieden bringen, sondern Unfrieden und Ruhelosigkeit: Essen, Sex und Beschäftigung. Sie sind keine bösen Dinge, wenn sie in der richtigen Weise gebraucht werden, aber sie werden schnell zu falschen Messiassen.
Du hast erlebt: Ordnung tut gut. Sich gute Regeln zu geben und zu befolgen, die dem Anspruch Gottes entsprechen sind gut.
Und jetzt lesen wir von Paulus, der doch offensichtlich mit einem starken Bild genau das angreift, was wir in den 70 Tagen tun. Du hast dich für die 70 Tage dazu verpflichtet eine bestimmte Ordnung einzuhalten. Paulus redet über das Gesetz, dass er vor seiner Bekehrung mit ganzem Eifer befolgt hat. Meint Paulus damit Deine Ordnung, wenn er schreibt: „Nehmt euch in Acht vor der Beschneidung, ja nehmt euch in Acht vor der Verstümmelung!“?
Paulus verwendet die Beschneidung als ein Bild für die Einhaltung des Gesetzes. Warum? Weil jeder männliche Jude als Bundeszeichen am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten worden ist. Am Mann ist es an seinem intimsten Körperteil zu sehen: ich gehöre dem HERRN, mit Leib, Seele und Geist. Ich folge ihm nach, seinen Geboten, seinen Wegen. Nun gab es gewisse Prediger, die umherzogen und betonten, dass die Beschneidung – und damit verbunden die Verpflichtung, die Gebote Gottes vollgültig zu erfüllen – notwendig für die Erlösung sein! Aber gerade dagegen wendet sich Paulus scharf:
Das Gesetz Gottes wird niemanden erlösen! Auch Dich wird das Gesetz Gottes nicht erlösen!
Lieber Bruder, haben sich deine 70 Tage in manchen Bereichen zu einem solchen Selbsterlösungstrip entwickelt? Hat sich Deine Ordnung verselbständigt? Ist Dir der Verzicht eine Art der „Beschneidung“ Deiner selbst, welche Dir den Weg zum Heil ebnen soll? Versuchst Du mit deiner Ordnung dein Leben zurechtzuschneiden und merkst dabei nicht, dass du Gefahr läufst deinen Glauben zu verstümmeln? Du verstehst es ganz richtig: Paulus meint in seinem Bild eine misslungene Beschneidung, das Abschneiden des ganzen Gliedes, die Verstümmelung.
2. Das Problem mit der Gesetzesgerechtigkeit
Das Problem mit all den Auflagen ans Fleisch (mit Fleisch ist meine menschliche Bemühung, meine Konsequenz, mein Wille und meine Kraftanstrengung, aber auch meine natürliche Herkunft, meine Familie, meine Abstammung oder Nationalität gemeint): das Gesetz kommt ohne Jesus Christus aus. Wenn ich die Ordnung der 70 Tage befolge, aber dabei Jesus ausklammere, dann werden sie schnell zu einem neuen Gesetz. Zu einem Programm, das ich versuche zu durchlaufen. Zu einem Programm, das ich mit Beten, Bibellesen, Fasten und Transparenz vor mir und vor anderen befolge und durchlaufe, um… zu wachsen? Nur wohin?
Wohin wachse ich, wenn ich erfolgreich das Programm an Stiller Zeit, Gebetstreue, Enthaltsamkeit und Konsequenz durchlaufe? Ich wachse an Gerechtigkeit durch meine Fähigkeiten die Ordnung zu halten. Ich wachse an der Meinung den Glauben zu meistern. Doch das Problem: wer den Glauben meistert und die Ordnung hält, der braucht Jesus Christus nicht.
Paulus kennt die Gefahr, dass das Befolgen einer Glaubensordnung zum Glauben ohne Jesus Christus wird: ein Erlösungsversuch durchs Halten des Gesetzes. Er weiß wovon er schreibt: er weiß, wie es sich anfühlt das Gesetz genauestens einzuhalten. Man könnte sagen, er hat das Gesetz durchgespielt. Er weiß genau um die Macht des Gesetzes und um die Dynamiken, die ein geistlicher Regelkatalog mit sich bringt. Er hat erlebt, was und wie das Gesetz wirkt. Er nennt das Gesetz gut. Er bezeichnet sich sogar „untadelig im Gesetz“, als einen der alles vollkommen richtig gemacht hat – Diese gesetzesmäßige Glanzleistung ist aber für Paulus nicht anders als ein großer Abfall, Dreck, Kot, Scheiße (V. 7 und 8).
Auch die Ordnung der 70 Tage birgt die Gefahr, dass du, lieber Bruder in Versuchung kommst, den Glauben auf ein machbares Programm ohne Jesus Christus zu verstümmeln. Das ist die Warnung des Apostels. Paulus nennt das den Rückfall in die Gesetzesgerechtigkeit, den Rückfall zur Gerechtigkeit vor Gott durch Einhaltung der Gebote ohne Jesus Christus.
3. Die Verstümmelung durch die Gesetzesgerechtigkeit
Woran erkenne ich, dass ich ohne Jesus Christus unterwegs bin? Prüf dich, lieber Bruder, ob sich in deinen 70 Tagen solche Verstümmelungen eingeschlichen haben:
- Die Verstümmelung des Glaubens zu einem Programm: ich bin gut unterwegs in den 70 Tagen. Ich halte die Ordnung erfolgreich ein und ich freue mich über die positiven Begleiterscheinungen im Alltag. Ich habe nun klarere Gedanken und nun wirkt auch meine Beziehung zu Gott geklärt. Ich bin mit mir zufrieden. Das Problem ist: was macht Dich zuFrieden? Die Einhaltung des Programms oder Jesus Christus? brauche ich noch Jesus Christus, oder reicht mein Programm. Wenn Fasten und Verzicht ausreichen, dann verfehle ich das Ziel. Denn Frieden mit Gott gibt mir kein Gesetz, sondern allein Jesus Christus. Kein Gesetz der Welt reinigt mich. Ich fühle mich gerecht, doch ich werde blind für die Sünde in ganz anderen Lebensbereichen. Ich bin blind für so viel, weil ich zuFrieden endlich das lasse, was ich schon immer lassen wollte. Doch dieser Friede ist trügerisch, weil er im eigenen Hochmut begründet ist und damit in einem falschen Selbstbild, was letztlich das Licht von Jesus Christus scheut.
- Die Verstümmelung des Glaubens zu einem unbarmherzigen Maßstab. Ich verfalle der Unbarmherzigkeit, weil der Anspruch der Auflagen wichtiger ist als meine Brüder. Ich beginne innerlich auf die herabzublicken, die nicht so konsequent fasten, nicht (lang genug) kalt duschen, nicht verzichten, nicht ordentlich schlafen oder treu in der Bibel lesen und beten. Vielleicht denke ich das gar nicht von mir. Aber prüfe dich selbst vor Gott. Könnte es sein, dass es an deiner unbarmherzigen Haltung liegt, dass sich deine Brüder dir gegenüber gar nicht mehr recht öffnen können und sich zurückziehen? Liegt es vielleicht daran, dass Du die Messlatte der Ordnung unbarmherzig hochgehängt hast, dass die Ehrlichkeit in eurer Bruderschaft abhanden gekommen ist? Können sich Deine Brüder deshalb nicht nicht offenbaren, weil du unbarmherzig gegenüber dem in deinen Augen Schwachen geworden bist? Wenn ich nur meine Ordnung im Blick habe, verliere ich den Bruder und werde damit schuldig am Gebot der Bruderliebe. Ich werde zu einem Hund (Vers 2), der sogar am Glauben der anderen herumschnibbelt.
- Die Verstümmelung des Glaubens zu meiner Auslegungssache: ich merke, ich schaffe es nicht die Ordnung zu halten. Also suche ich Argumente für meine persönliche Situation und finde sie auch. Ich definiere mir neu, weshalb ich bspw. Nachrichtenapps brauche oder social media in meinem Fall unverzichtbar ist. Ich suche und finde Ausnahmen fürs Essen, Duschen, Schlafen usw. Ich biege mir die Ordnung zurecht und nehme Kompromisse in Kauf. Ich isoliere mich von meinen Brüdern und von Jesus Christus. Ich will der Schiedsrichter sein. Wenn ich meine Bedürfnisse ins Zentrum stelle, muss sich Christus diesen unterordnen.
- Die Verstümmelung des Glaubens zum Leistungssport: und dann geschieht es doch: ich falle… ich versage… an der Stelle, für die ich mich schäme: nun habe ich mich wieder selbst befriedigt, Pornos geschaut, Medien konsumiert, Zucker gegessen, Bier getrunken… die Liste ist bei jedem ein wenig anders. Der Glaube, der zu einem Leistungssport verstümmelt ist, der versteckt sich vor dem Bruder und vor Gott, wie es Adam im Garten getan hat („Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9) fragt Gott). Derjenige, der sich versteckt, wagt es nicht seine Schwachheit zu bekennen und offenzulegen. Das nicht eingehaltene Gesetz und sein Anspruch führen mich in die Verzweiflung und ich gehe hart ins Gericht mit mir. Ohne Jesus Christus bleibe ich isoliert und verloren. Ich muss es wieder versuchen und durch das Standhalten in der nächsten Versuchung das Versagen wettmachen.
4. Die Auferstehung durch den Glauben an Jesus Christus
Lieber Bruder,
trifft etwas oder einiges auf dich zu? Sind dir die 70 Tage vielleicht stellenweise zuwider? Dann freu dich, denn Jesus ist da, mit seiner Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt (Vers 9)! Jesus will jeden Glauben, der zu einem Ordnungsprogramm verstümmelt ist, heilen. Jesus, der Arzt kommt mit ein bisschen Verstümmelung klar und auch mit den hoffnungslosen Fällen, die einer Glaubenskastration gleichen. Jesus hilft nicht nur, er rettet dich:
- durch sein Wort: Jesus findest du immer dann, wenn du von ihm hörst und liest. Lies von ihm und suche sein Wort. Gerade dann, wenn es dir schlecht geht. Suche Jesus, gerade wenn du merkst, dass eine Zielverfehlung vorliegt. Wenn du zufrieden mit dir bist, fang damit an, dass du von Jesus und seinen Taten, von seinen Worten und seinem Leiden (dazu später mehr) liest. ZuFrieden wird ein Christ, wenn er bei Jesus ist. Frieden findet ein Christ in dem, was Jesus tut. Nicht in dem, was der Christ tut. In Christi Gerechtigkeit ist der Christ zuhause, nicht in seiner eigenen. In Christi Gerechtigkeit, in dem, was Jesus getan hat, wird der Christ gerettet. Das Erkennen der Rettung durch Jesus ist keine Sache, die man ein für allemal im Moment einer Bekehrung verstanden hat. Das Kreuz und die Auferstehung sind immer wieder von Neuem zu erkennen (Vers 10).
- durch den Bruder: Jesus ist in deinem Bruder für dich da. Bonhoeffer schreibt „Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders; jener ist ungewiss, dieser ist gewiss.“ Deine Brüder sind dir zugewiesen, nicht als beste Freunde, sondern als Teile des Leibes Christi. Dein Zweierschaftspartner ist dir zugewiesen, dass er für dich betet und nicht über dich richtet. Du wirst den Segen der Bruderschaft in Christus erleben, wenn du den ersten Schritt wagst und dich offenbarst mit deiner Schwachheit. Damit der Bruder Dir von Christus sagen kann -, allein dadurch, dass Christus in ihm lebt, er dich versteht und dich nicht so verurteilt, wie du es tust. Schwache Brüder sind echte Brüder. Brüder, die sich gegenseitig wissen lassen, dass sie fallen, werden zu barmherzigen Brüdern. Als Sünder kannst du dich nicht mehr über deine Brüder erheben. Du stehst auf derselben Stufe wie deine Brüder. Aber gerade darin gilt für Dich wie für Deine Brüder, dass Eure Gerechtigkeit in Christus liegt und nicht in euch selbst. Erst der ein wirklicher Sünder vor seinen Brüdern geworden ist, der ist ein durch Christus gerechtgemachter Bruder.
- durch den Zuspruch der Vergebung: Wag‘ es zu beichten. Wag‘ es im Schutzraum des Namens Jesu zu bekennen: konkret, kurz und ohne zu beschönigen das sagen, was dich von Gott, dir selbst und Menschen trennt. Fang damit an, wofür du dich am meisten schämst. Ein Pfarrer steht unter dem Beichtgeheimnis und er ist vor Gott, dem Herrn, verpflichtet einem Sünder, der die Vergebung durch Christus sucht, diese zuzusprechen. Der Retter Jesus ist da. Der Name Jesus wird richtig und gerecht gebraucht, wenn einem Sünder die Vergebung zugesprochen wird. Jesus ist nicht die Hilfe zu einem besseren Leben. Er rettet dich von dem, was dich verfolgt und quält.
- durch sein Leiden: was macht frei? Nicht ein Programm, sondern Jesus Christus. Die Frage muss eigentlich heißen: Wer macht frei? Schau auf Jesus, lieber Bruder, schau auf sein Leiden. Er hat das für dich getan. Er hat sich schlagen lassen, misshandeln und ist am Kreuz fürchterlich erstickt. Er hat all das getan, um dich zu befreien von allen Sündenstrukturen in deinem Leben. Der Blick auf Jesu Leiden ist heilsam. Mit dieser Perspektive auf das Leben gibt es Veränderungen. Er hat für dich gelitten, weil Deine Ungerechtigkeit und Deine Selbstgerechtigkeit vor Gott nicht bestehen können. Sein Leiden ist Deine Rettung. Du wirst nicht zu einem besseren Leben auferstehen, indem du dich anstrengst. Du wirst zu einem ewigen Leben auferstehen, der du an Jesus glaubst, der stellvertretend für deine Un- und Selbstgerechtigkeit gelitten hat. Lass deine eigene Gerechtigkeit, deinen Stolz, all den Unsinn, worauf du dich verlässt, am Kreuz Jesu – dort ist der richtige Platz dafür. Lass dich Jesu Tod gleichgestalten und habe Gemeinschaft in seinem Leid und erfahre die Kraft seiner Auferstehung (V. 10f.).
Jesus, der Arzt verstümmelt dich nicht. Er rettet dich, der du versuchst mit einer verstümmelten Gerechtigkeit vor Gott gerecht dazustehen.